Punk 2.0

Berlin. Neulich in der Straßenbahn.
Zwei Punks steigen ein. Ein Mädchen, schätzungsweise 16 Jahre alt und ein Junge, wohl im selben Alter wie das Mädchen, vielleicht auch jünger. Der Junge mit nem verbundenem Arm, Punkerunfall würde ich schätzen. Das Mädchen gesund. Äußerlich auf jeden Fall schien ihr nichts zu fehlen. Irgendwie schien die Stimmung zwischen den beiden gerade aber nicht so gut zu sein. Er schimpft auf die scheiß Ärzte und sie auf ihn.
Zu meiner Erleichterung schwiegen sich die beiden dann für ne kurze Zeit an. Ruhe kehrte in die Bahn ein. Er nippte an seinem Bier und sie zupfte gelangweilt an ihrem Röckchen mit Aufstickern und Kettchen rum. Nachdem sein Bier leer war, ging sein Frustablassen mit verbalen Mitteln gegen die Gesellschaft weiter. Auch wenn sie die ganze Zeit über aus dem Fenster geschaut hatte, abwesend waren ihre Gedanken nicht. Ab und zu nickte sie mit dem Kopf oder sagte „Recht haste Hannes“ wenn sie seiner Meinung war. Als er in Rage gegen den Sitz vor ihm trat, sah ich zum ersten Mal seine nagelneuen Dock Martens Stiefel. Arm schien er auf jeden Fall nicht zu sein. Die Schimpftriaden gegen alle Nicht-Punker und somit automatisch Looser in seinen Augen nahmen ab und da sich seine Argumente zu wiederholen schienen, was er wohl merkte, hielt er halt die Klappe. Aus einer seiner Hosentasche zauberte er ein neues Bierchen. Er schien nun wieder glücklich zu sein.
Punker durch und durch dachte ich mir. Er genoss sein Bier, teilte ab und zu mit ihr, fragte neue Fahrgäste nach ner Zigarette oder Kleingeld, sie saß einfach nur da und genoss die Blick der anderen Fahrgäste. Und dann passierte es. Sie zog ein Handy aus einer ihrer Rocktaschen und schrieb, wer weiß schon wem, ne Kurzmitteilung. Und nicht irgend so ein Handy. Eines der neueren Generation. So zum aufklappen. Klein, flach und sicherlich nicht billig. Erst merkte ich gar nicht, was mir an diesem Bild komisch vorkam. Es dauert ein Paar Sekunden, doch dann hatte ich es. Da wollte die Punkertante Punk sein und leistet sich ein Handy. Ihr Freund schimpft die ganze Zeit auf unsere kapitalistische Gesellschaft und sie - immer hin Freundin des Punk-Jungens und der Kleidung nach nicht zu urteilen eine nicht zur Szene gehörige - nutzt dann den Luxus eines Handys, um mit einem – ich würde mal sagen – Punkfreund oder wem auch immer aus ihrem Freundeskreis, ein SM-Pläuschchen zu halten. Auf der Straße leben, zerfetzte Klamotten tragen, keine Job haben wollen, Leute nach Geld anschnorren und dann einen auf Punk 2.0 zu machen.
Ich musste über das Mädchen einfach nur lachen. Die kann mir doch nicht wahrhaftig erzählen wollen, sie hätte mit unseren gesellschaftlichen Konventionen gebrochen. Ich will hier jetzt nicht alle Punks in Berlin oder wo auch immer mit diesem Mädchen unter einen Hut stecken, aber sie fand ich nach dieser Aktion voll unpunkig.




