Pixacao

Da ich gerade über meinem Artikel zur Kunstform pixacao für die 4. Ausgabe des Amateurs sitze, dachte ich mir, falsch kann es nicht sein, einen Gruß in die Welt da draußen zu schicken. Sehr ergiebig und in der farblichen sowie künstlerischen Ausgestaltung sind die Bilder von os gemos, welche ich nur wärmsten empfehlen kann. Schon anarchitect berichtete im Zusammenhang mit der “Entdeckung” des stitching-Programms “Double Take” von der legalen Lost Art Aktion des Train 124, wo geachtete und bekannte Künstler eine kompletten Zug ansprühen durften.
Zu meinem und vielleicht auch wieder zum Entsetzen der Amateur-Redaktionsmitglieder wird der Artikel immer größer, denn die Kunstform pixacao lässt sich prima mit der der Murals in einem Artikel verarbeiten. Wandmalereien, wir sprechen hier nicht unbedingt von Graffiti, haben in Lateinamerika Tradition. Riesige Bilder (murals) sind Meist Auftragsarbeiten, die pixacao-Schriftzüge Ausdrucksformen sozialen Aufstandes. Os Gemeos in einem Interview auf die Frage, was ihn zum Sprühen motiviert:
Hate and love, living in a country where you have to survive, the simple look of a child asking for money in the street, living in a country where the government doesn’t care about you, where there are no laws, where people are paid miserable salaries and are still smiling, waking up sometimes and realising it was only a dream. Idolatry, lack of union, vanity, ego, jeaulosy, people who need others to be somebody, people who use the others, love, we are proud to be brazilians and from são paulo, to know that what we believe in exists, to write incorrectly in portuguese, to live some moments that seem eternal, to use firecrackers in the street, to build fires in the street, to tell lies to the police, to know that our family loves us, to do things without thinking, using latex and rollers, to paint in the street with out clothes dirty from paint, to go up on a ladder without a shirt, to be from south america, to use the city, ugly things, to know we fly in the fog, to float paper boats in the rain.
Seid also gespannt, was euch in der 4. Ausgabe erwarten wird. Bis dahin wünsche ich viel Spass mit den ausgewählten Links.
Bild aus: Lost Art
Interview mit Os Gemeos hier

27. Juni 2007 um 11:31
Hey…(leider weiss ich deinen Namen nicht!)
habe mal ein paar fragen zu deinem artikel!
Habe gestern in einer Buchhandlung das Buch “Pixacao, Sao Paulo Signature” entdeckt und finde das thema unheimlich spannend!
Werde im Dez mein Examen machen und würde gerne über die “pixos” schreiben…
wie ist das mit Os Gemeos? gehört er auch zu den Pixadores?
Und was ist mit den “Picadores”? (spanische Stierkämpfer, die den Stier anfixen sollen) Besteht zwischen diesen beiden Namen eine Verbindung zur Gangbewegung der Pixadores? (herleitung oder sowas?)
aus welchem grund hat sich diese Gruppe in sao Paulo gegründet und was hat das mit ihrem eigenen Alphabet auf sich? Gegen was wollen sie revoltieren? (soz/gesellschaftliche Formen in sao paulo? welche sind das?)
seit wann gibt es diese bewegung und wer sind die vorreiter dieser speziellen hauswand/spezialschrift kommunikation?
Habe gelesen dass es in Sao Paulo jetzt schon pixacao Stores gibt und sie eine Jeanslinie auf den Markt gebracht haben die ziemlich heiß begehrt sein soll bei den jugendlichen!?
es wäre echt super wenn du mir auskunft geben könntest! brauche ein wenig licht ins dunkle dickicht, da ich am 6.7. meinem dozenten das thema präsentieren muss! Vielleicht hast du auch ein paar literatur tipps (geschichtliche und aktuelle zusammenhänge, wer sind die bekanntesten vertreter und gangs etc…)
freue mich auf antwort!
lg Nicolette
26. August 2008 um 15:23
ich weiß, ich bin spät dran. gerade deshalb (weil’s dann sicher niemanden mehr interessiert):
pixacao und die farbigen, großformatigen murais sind in sao paulo zwei sehr verschiedene paar schuhe, die nur in den seltensten fällen von denselben leuten gemacht werden. “pixar” kommt von “mit pech bestreichen” (verpichen/kalfatern) - hat also nicht viel mit stierpieken gemein - und impliziert die ursprünglich ausschließlich schwarze farbe der tags, deren schriftart sich meines wissens ende der 70er u.a. aus der pseudogotischen schrift entwickelt hat, die hardrock- und metal-bands (und deren fans) damals mit vorliebe verwendeten - heute zunehmend kyptisch. “pixar” ist in etwa die bras.-portugiesische entsprechung von den guten deutschen “schmierereien”, die sich auch bei deutschen gesetzeshütern und -treuen bürgern immer größerer beliebtheit erfreuen… pixacao ist anarchischer vandalismus der alten schule und hat meist wenig ästhetischen anspruch (die tags sind nicht dazu da, das stadtbild zu verschönern), ebensowenig wie sie einen politisch reflektierten protest darstellt (da gibt es ausnahmen wie die studentischen pixadores, die aber meines wissens vielleicht 0,5% der gesamtpixadorheit ausmachen), wie so oft behauptet wird. es geht vielmehr um reviermarkierungen, männlichkeitsbeweise, territorialkämpfe, nachrichten à la “ich war hier - ich auch”, usw. die ästhetisierte, bunte graffitiwelt ist in sp erst spät angekommen und hat sich entlang anderer linien entwickelt als die pixacao, die aber nichtsdestotrotz von ausländischen (und brasilianisch-bürgerlichen, die ihr land auch nur aus dem fernsehen kennen) street-art-aficionados, solchen, die es gerne wären, und dem ein oder anderen sozialromantiker bzw. trendscout mit den bunten und schönen bildern in eine kiste geworfen, hübsch verpackt und für viele realdollareuros vermarktet wird.
nicolette, vermutlich hast du dein examen längst in der tasche. glückwunsch! hast du selbst auch was recherchiert?
beijos pixados, l.